Apostelgeschichte 1,8 „……aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und  werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“

Ihr Getreuen des Herrn,

ich schreibe euch über den Auftrag, den Christus seiner Kirche gegeben hat. Es ist kein Auftrag, den wir uns selbst ausgedacht haben. Es ist kein Programm, das wir nach unserem Belieben gestalten können. Es ist das letzte Wort unseres Herrn, bevor er gen Himmel fuhr: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“ (Apostelgeschichte 1,8).

Diese Worte sind nicht an die Apostel allein gerichtet. Sie gelten der ganzen Kirche. Sie gelten euch und mir. Christus hat uns nicht in die Welt gestellt, damit wir für uns selbst leben. Er hat uns nicht erlöst, damit wir sein Heil für uns behalten. Er hat uns berufen, seine Zeugen zu sein. Das ist keine Empfehlung. Das ist kein Vorschlag für besonders Fromme. Das ist der Auftrag an jeden, der zu Christus gehört.

Doch bevor wir von diesem Zeugnis reden, müssen wir verstehen, worauf es gründet. Christus sagt nicht: Ihr werdet meine Zeugen sein, wenn ihr klug genug seid, wenn ihr redegewandt seid, wenn ihr fromm genug geworden seid. Er sagt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“. Das Zeugnis gründet nicht auf menschlicher Fähigkeit, sondern auf göttlicher Kraft. Ohne den Geist können wir nichts tun. Mit dem Geist können wir das tun, wozu Christus uns berufen hat.

Das ist ein Trost für alle, die meinen, sie seien zu schwach, zu ungebildet, zu unbedeutend, um von Christus zu reden. Paulus war ein großer Apostel, doch auch er bekannte: „Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott“ (2. Korinther 3,5). Gott gebraucht nicht die Starken, sondern die Schwachen. Er gebraucht nicht die, die auf sich selbst vertrauen, sondern die, die auf ihn vertrauen.

Fühlst du dich schwach und unbedeutend, so bist du genau an dem Ort, an dem Gott wirken kann, denn er widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade, und er baut sein Reich nicht mit den Werkzeugen menschlicher Größe, sondern mit Herzen, die wissen, dass sie ohne ihn nichts vermögen.

Du glaubst, du bist voller Sünden, und du meinst, Gott könne dich nicht gebrauchen, weil deine Vergangenheit zu dunkel, deine Gedanken zu unrein, deine Schritte zu wankend sind, doch gerade solche Menschen ruft Christus zu sich, denn er ist nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder, und er reinigt nicht die Reinen, sondern die, die sich nach Reinigung sehnen. Wenn du deine Schuld siehst, dann ist das nicht das Ende, sondern der Anfang, denn wer seine Sünde erkennt, der steht schon im Licht, und wer seine Ohnmacht bekennt, der hat bereits die Hand ausgestreckt nach der Kraft, die allein von Gott kommt. Nicht deine Tüchtigkeit macht dich brauchbar, sondern seine Gnade, nicht deine Stärke trägt dich, sondern seine Treue, und nicht deine Reinheit qualifiziert dich, sondern sein Blut, das dich rein macht.

Darum verzage nicht, wenn du dich klein fühlst, denn Gott baut mit dem Kleinen, und fürchte dich nicht, wenn du dich schwach weißt, denn seine Kraft wird in der Schwachheit mächtig, und halte nicht zurück, wenn du meinst, du seist zu unbedeutend, denn Christus hat die Welt mit Menschen verändert, die nichts hatten als ein offenes Herz und einen gehorsamen Glauben. Er ruft dich nicht, weil du groß bist, sondern weil er groß ist, und er gebraucht dich nicht, weil du vollkommen bist, sondern weil er vollkommen ist. Öffne ihm dein Herz, gib ihm deine Schwachheit, bring ihm deine Schuld, und er wird daraus ein Zeugnis seiner Gnade machen, das stärker spricht als alle menschliche Stärke.

Glaube mir: Der Geist macht aus Fischern Prediger. Er macht aus Zöllnern Evangelisten. Er macht aus Verfolgern Apostel. Er macht aus uns, die wir von Natur Sünder und verloren sind, Zeugen der Gnade Gottes. Nicht weil wir es verdient hätten, sondern weil Christus es so will. Er hat uns erwählt, nicht damit wir uns rühmen, sondern damit sein Name verkündigt wird.

Was heißt es nun, Zeuge Christi zu sein? Es heißt zunächst, dass wir selbst erkannt haben, wer Christus ist. Ein Zeuge spricht von dem, was er gesehen und gehört hat. Er erfindet nichts. Er schmückt nichts aus. Er gibt weiter, was ihm gegeben wurde. Die Apostel waren Zeugen, weil sie mit Christus gelebt hatten. Sie hatten ihn reden hören, sie hatten seine Taten gesehen, sie waren dabei, als er starb und auferstand. Sie konnten bezeugen: Das ist wahr. Das haben wir erlebt.

Wir haben Christus nicht leiblich gesehen. Doch wir haben sein Wort. Und in seinem Wort begegnet er uns. Jesus sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Johannes 20,29). Wir glauben auf das Zeugnis der Apostel hin. Wir glauben, weil der Geist uns durch ihr Wort den Glauben gewirkt hat. Und nun sind wir selbst berufen, dieses Wort weiterzugeben.

Das Zeugnis der Kirche ist kein menschliches Zeugnis. Es ist das Zeugnis von Christus. Wir verkündigen nicht unsere Meinungen, nicht unsere Erfahrungen, nicht unsere Gedanken über Gott. Wir verkündigen das, was die Heilige Schrift sagt. Wir verkündigen Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Paulus schreibt: „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1. Korinther 2,2). Das ist die Mitte unserer Botschaft. Nicht der Mensch, nicht die Welt, sondern Christus.

Doch das Zeugnis von Christus ist kein bequemes Zeugnis. Es fordert Buße. Es ruft zur Umkehr. Es stellt den Menschen vor die Wahl: Entweder Christus oder die Sünde. Entweder das Kreuz oder die Welt. Entweder das Leben oder der Tod. Es gibt keinen Mittelweg. Jesus sagt: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Matthäus 12,30). Das ist harte Rede. Doch es ist die Wahrheit.

Viele wollen heute ein Zeugnis ohne Buße, eine Verkündigung ohne Gericht, ein Evangelium ohne Kreuz. Sie wollen, dass die Kirche die Welt bestätigt, nicht dass sie die Welt vor Gott stellt. Doch das ist nicht das Zeugnis Christi. Christus ist nicht gekommen, die Welt zu bestätigen, sondern sie zu retten. Und Rettung setzt voraus, dass man erkennt, dass man verloren ist. Aber diese Welt erkennt ihre Verlorenheit nicht mehr, weil sie sich selbst für gut hält, weil sie ihre Maßstäbe aus sich selbst schöpft, weil sie das Licht meidet, das ihre Finsternis offenbar machen würde, und weil sie lieber die Stimme der Zeit hört als die Stimme des Herrn, der zur Umkehr ruft.

Und erschütternd ist, dass selbst viele Christen diese Verlorenheit nicht mehr erkennen, weil sie sich an die Denkweise der Welt gewöhnt haben, weil sie das Wort Gottes nur noch als freundliche Begleitung ihres Lebens verstehen, nicht mehr als heilige Wahrheit, die richtet und heilt, weil sie das Kreuz als Symbol der Hoffnung sehen, aber nicht mehr als Ruf zur Nachfolge, der das eigene Leben infrage stellt. Sie reden von Gnade, ohne Buße zu kennen, sie reden von Liebe, ohne Heiligkeit zu suchen, sie reden von Jesus, ohne ihm zu gehorchen, und sie verlieren das Empfinden dafür, dass ohne die Erkenntnis der eigenen Schuld niemand die Tiefe der Erlösung begreift. Wo die Sünde nicht mehr Sünde ist, wird das Evangelium zu einer religiösen Dekoration, aber nicht mehr zur rettenden Kraft Gottes.

Darum muss die Kirche heute klarer reden als je zuvor, nicht im Ton der Verurteilung, sondern im Geist der Wahrheit, der Liebe und der heiligen Ernsthaftigkeit, die Christus selbst geprägt hat. Sie muss die Menschen nicht darin bestärken, wie sie sind, sondern sie zu dem führen, der sie neu macht, und sie muss den Mut haben, die Verlorenheit zu benennen, damit die Rettung wieder als Rettung erkannt wird. Denn nur wer weiß, dass er gefallen ist, ruft nach dem, der aufrichtet, und nur wer seine Finsternis sieht, sehnt sich nach dem Licht, das die Welt nicht geben kann.

Darum gehört zur Verkündigung des Evangeliums auch die Verkündigung des Gesetzes. Das Gesetz zeigt die Sünde. Es deckt auf, dass wir vor Gott nicht bestehen können. Es treibt uns zur Verzweiflung an uns selbst. Und erst wenn wir verzweifelt sind an uns selbst, können wir Christus ergreifen. Luther sagt: „Das Gesetz schreckt, das Evangelium tröstet.“ Beides gehört zusammen. Wer nur das Gesetz hört, verzweifelt. Wer nur das Evangelium hört, ohne das Gesetz, wird träge und sicher.

Unser Zeugnis muss beides enthalten. Wir müssen die Wahrheit über die Sünde sagen. Wir dürfen sie nicht verschweigen, nicht beschönigen, nicht entschuldigen. Die Sünde ist Feindschaft gegen Gott. Sie ist Rebellion, Ungehorsam, Verachtung seines Willens. Und die Folge der Sünde ist der Tod. Paulus sagt: „Der Sünde Sold ist der Tod“ (Römer 6,23). Das ist die bittere Wahrheit, die wir nicht verschweigen dürfen.

Doch wir dürfen dabei nicht stehen bleiben. Denn Paulus sagt weiter: „Die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn“ (Römer 6,23). Das ist das Evangelium. Das ist die gute Botschaft. Christus hat die Strafe getragen. Er hat die Sünde überwunden. Er hat dem Tod die Macht genommen. Wer an ihn glaubt, der hat Vergebung. Wer ihm vertraut, der hat ewiges Leben.

Das ist die Botschaft, die die Welt hören muss. Nicht dass der Mensch gut ist. Nicht dass er sich selbst retten kann. Nicht dass es viele Wege zu Gott gibt. Sondern dass Christus der einzige Weg ist. Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Johannes 14,6). Das ist keine Anmaßung. Das ist die Wahrheit. Und wir sind berufen, diese Wahrheit zu bezeugen.

Christus sagt, dass wir seine Zeugen sein sollen „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“. Das heißt: Das Zeugnis beginnt dort, wo wir sind. Es beginnt in der Familie, im Haus, in der Nachbarschaft. Es geht weiter in die Stadt, in die Region, in das Land. Und es endet nicht an den Grenzen unseres Landes, sondern es geht bis an die Enden der Erde.

Manche meinen, das sei die Aufgabe von Missionaren, von hauptamtlichen Verkündigern, von besonders Berufenen. Das ist ein Irrtum. Jeder Christ ist berufen, Zeuge zu sein. Jeder, der getauft ist, ist gesandt. Petrus schreibt: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbare Licht“ (1. Petrus 2,9). Das gilt nicht nur einigen, sondern allen.

Doch wie sollen wir Zeugnis geben? Nicht mit großen Worten, nicht mit Überredungskunst, nicht mit menschlicher Weisheit. Paulus sagt: „Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft“ (1. Korinther 2,4). Der Geist macht das Wort wirksam, nicht wir. Unsere Aufgabe ist es, treu zu sein. Gottes Aufgabe ist es, Frucht zu geben.

Das nimmt uns die Last, Erfolg haben zu müssen. Wir sind nicht verantwortlich für die Bekehrung der Menschen. Wir sind verantwortlich für das Zeugnis. Gott allein öffnet die Herzen. Gott allein schenkt den Glauben. Wir säen, Gott lässt wachsen. Paulus sagt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1. Korinther 3,6).

Darum seid getrost. Auch wenn euer Zeugnis abgelehnt wird, auch wenn man euch verspottet, auch wenn ihr keinen sichtbaren Erfolg seht. Eure Aufgabe ist es, treu zu sein. Gott wird sein Wort nicht leer zurückkommen lassen. Er wird tun, was ihm gefällt. Jesaja sagt: „So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende“ (Jesaja 55,11).

Lebt also als Zeugen Christi. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit eurem Leben. Euer Wandel soll das Evangelium bestätigen, nicht widerlegen. Jesus sagt: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Matthäus 5,16). Die Welt muss an eurem Leben sehen, dass Christus wahr ist.

Das ist keine Werkgerechtigkeit. Wir werden nicht durch gute Werke gerettet. Wir werden allein durch den Glauben gerecht. Doch der Glaube bleibt nicht ohne Werke. Jakobus sagt: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus 2,17). Die Werke folgen aus dem Glauben. Sie sind die Frucht, nicht die Wurzel.

Der Herr segne und bewahre euch in seiner Wahrheit.
Euer Diener am Evangelium Jesu Christi

Pater Berndt