Ihr Getreuen des Herrn,

ich schreibe euch über Pfingsten, das Fest, das in der Christenheit oft weniger beachtet wird als Weihnachten und Ostern. Doch Pfingsten steht diesen Festen nicht nach. Es ist die Vollendung dessen, was in der Krippe begann und am Kreuz vollbracht wurde. An Pfingsten wurde die Kirche geboren. Nicht die Institution mit ihren Ämtern und Gebäuden, sondern der Leib Christi, die Gemeinschaft der Glaubenden, die durch den Heiligen Geist zu einer lebendigen Einheit zusammengefügt ist.

Die Apostelgeschichte berichtet: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist“ (Apostelgeschichte 2,1–4). Das war die Geburtsstunde der Kirche.

Bis zu diesem Tag waren die Jünger eine verängstigte Schar. Sie hatten ihren Herrn gekreuzigt gesehen. Sie hatten ihn auferstanden erlebt. Sie hatten seine Verheißung gehört. Doch sie warteten noch. Sie waren noch nicht bereit, in die Welt hinauszugehen. Sie waren noch nicht fähig, das Zeugnis zu tragen, zu dem Christus sie berufen hatte. Erst als der Geist kam, wurden sie zu dem, was Christus sie nennt: seine Kirche.

Was geschah an Pfingsten? Gott erfüllte seine Verheißung. Christus hatte gesagt: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein“ (Johannes 14,16–17). An Pfingsten kam dieser Tröster. Der Geist Gottes kam herab auf die Jünger und machte sie zu neuen Menschen. Sie, die vorher gezweifelt und gezaudert hatten, wurden nun zu mutigen Zeugen. Petrus, der seinen Herrn verleugnet hatte, predigte vor Tausenden und rief zur Buße.

Das ist das Werk des Geistes. Er macht aus Feigen Mutige, aus Stummen Redner, aus Zerstreuten eine Gemeinde. Er verbindet, was von Natur getrennt ist. Er schafft Einheit, wo Spaltung herrscht. Er gibt Leben, wo Tod regiert. Paulus schreibt: „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt“ (1. Korinther 12,13). Das ist die Kirche: ein Leib, belebt durch einen Geist.

Doch was ist diese Kirche? Sie ist nicht ein Verein, den Menschen gegründet haben. Sie ist nicht eine Organisation, die nach menschlichen Regeln funktioniert. Sie ist der Leib Christi. Paulus sagt: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied“ (1. Korinther 12,27). Christus ist das Haupt, wir sind die Glieder. Er gibt das Leben, wir empfangen es. Er regiert, wir folgen. Er ist die Mitte, wir sind um ihn versammelt.

Und nun, man kann aus der weltlichen Kirche austreten, man kann seinen Namen aus Registern streichen lassen, man kann sich von Strukturen und Institutionen lösen, doch als Getaufter bleibst du dennoch am Leib Christi, denn die geistliche Kirche ist nicht Menschenwerk, sondern Gottes Werk. Die Taufe bindet dich nicht an eine Organisation, sondern an Christus selbst, und wer in ihn hineingetauft wurde, der gehört zu seinem Leib, auch wenn er sich von äußeren Formen entfernt hat. Die sichtbare Kirche kann man verlassen, die unsichtbare Kirche aber umfasst alle, die Christus gehören, und niemand löst sich aus seiner Hand, nur weil er sich aus menschlichen Listen austrägt.

Darum ist es eine ernste und zugleich tröstliche Wahrheit, dass die Zugehörigkeit zur Kirche nicht zuerst eine Frage der Mitgliedschaft ist, sondern eine Frage des Glaubens und der Verbindung mit Christus. Wer an ihn glaubt, ist in seinem Leib, und wer in seinem Leib ist, gehört zu seiner Kirche, auch wenn er äußerlich fernsteht. Doch zugleich bleibt der Ruf, sich nicht von der Gemeinschaft der Heiligen zu lösen, denn der Leib lebt nicht aus einzelnen Gliedern, sondern aus der Einheit, die Christus selbst wirkt. Die geistliche Kirche trägt dich, auch wenn die weltliche dich enttäuscht hat, denn sie ist nicht gebaut auf Menschen, sondern auf den, der gesagt hat: „Ich will meine Gemeinde bauen.“

Diese Kirche ist keine sichtbare Institution, die man mit den Augen erfassen kann. Luther unterscheidet zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche. Die sichtbare Kirche umfasst alle, die sich Christen nennen, die getauft sind, die am Gottesdienst teilnehmen. Die unsichtbare Kirche umfasst nur die wahrhaft Glaubenden, die Gott allein kennt. Nur er sieht ins Herz. Nur er weiß, wer wirklich zu Christus gehört.

Und das muss ich euch schreiben, ein ernstes Wort, das nicht übergangen werden darf: Nicht jeder, der zur Kirche gehört, gehört Christus. Nicht jeder, der getauft ist, lebt aus der Taufe. Nicht jeder, der den Namen Jesu nennt, vertraut ihm auch. Nicht jeder, der äußerlich dabei ist, ist innerlich erneuert. Die sichtbare Kirche ist ein großes Feld, auf dem Weizen und Unkraut nebeneinander wachsen, und erst der Herr wird am Ende unterscheiden, was zu ihm gehört und was nicht. Darum ist es gefährlich, sich auf äußere Zugehörigkeit zu verlassen, denn Gott fragt nicht nach Mitgliedschaft, sondern nach Glauben, nicht nach Formen, sondern nach dem Herzen, nicht nach dem Schein, sondern nach der Wahrheit.

Gerade deshalb ruft uns das Evangelium immer wieder zur Prüfung unseres eigenen Lebens, nicht in Angst, sondern in heiliger Ernsthaftigkeit. Es ruft uns dazu, uns nicht mit dem Äußeren zufriedenzugeben, sondern Christus wirklich zu suchen, ihm wirklich zu vertrauen, ihm wirklich zu folgen. Denn wer zu ihm gehört, gehört zur unsichtbaren Kirche, auch wenn die sichtbare Kirche schwach ist; und wer nicht zu ihm gehört, bleibt verloren, selbst wenn er äußerlich mitten in der Kirche steht. Christus allein ist der Maßstab, und er allein kennt die Seinen.

Das bedeutet nicht, dass die sichtbare Kirche unwichtig ist. Christus hat seine Kirche mit Mitteln ausgestattet: mit dem Wort und den Sakramenten. Wo das Evangelium recht gepredigt und die Sakramente recht verwaltet werden, da ist die Kirche. Das Augsburgische Bekenntnis sagt: „Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut des Evangeliums gereicht werden“ (CA VII). Das ist das Kennzeichen der wahren Kirche.

Doch wie oft ist die sichtbare Kirche von der unsichtbaren Kirche verschieden! Wie oft gibt es in der Kirche Menschen, die getauft sind, die sich Christen nennen, die aber kein lebendiges Verhältnis zu Christus haben! Wie oft gibt es Pfarrer, die das Wort Gottes nicht verkündigen, sondern ihre eigenen Gedanken! Wie oft gibt es Gemeinden, die sich um alles Mögliche kümmern, nur nicht um das eine Notwendige!

Das war schon zur Zeit der Apostel so. Paulus musste die Gemeinden ermahnen, warnen, zurechtweisen. In Korinth gab es Spaltungen, Unmoral, falsche Lehre. In Galatien gab es Irrlehrer, die das Evangelium verfälschten. In Ephesus gab es solche, die den ersten Glauben verlassen hatten. Die Kirche auf Erden ist immer eine Kirche der Sünder, das dürfen wir niemals vergessen. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen, die täglich der Vergebung bedürfen, wie Du und ich!

Und darum beklage ich es, dass es Christen gibt, die immer wieder die sichtbare Kirche kritisieren, oft zu Recht, und doch vergessen sie dabei, dass sie selbst Sünder sind, die ebenso der Gnade bedürfen wie jene, die sie verurteilen. Viele treten aus, weil sie meinen, besser zu sein als die sichtbare Kirche, weil sie glauben, sich über die Fehler anderer erheben zu können, und weil sie meinen, außerhalb der Gemeinschaft heiliger zu leben als innerhalb. Was für eine Torheit, denn wer sich über die Kirche erhebt, erhebt sich über die Gemeinschaft derer, die Christus berufen hat, und wer meint, er könne allein stehen, hat nicht verstanden, dass er selbst ein Glied ist, das nur im Leib lebt und nicht außerhalb.

Die sichtbare Kirche ist unvollkommen, weil wir unvollkommen sind, und sie trägt Wunden, weil wir Wunden tragen, und sie fällt, weil wir fallen. Doch gerade deshalb hat Christus sie nicht verlassen, sondern trägt sie, reinigt sie, erneuert sie und ruft uns, in Geduld und Demut miteinander zu leben, weil wir alle aus derselben Gnade leben. Wer die Kirche verachtet, verachtet nicht Menschen, sondern das Werk Gottes, und wer sich von ihr trennt, weil er sich besser dünkt, hat vergessen, dass er selbst täglich der Vergebung bedarf. Die Kirche ist nicht ein Ort für Vollkommene, sondern ein Haus für die, die Christus brauchen, und wer das erkennt, bleibt nicht in Hochmut fern, sondern in Demut nahe.

Doch gerade deshalb ist Pfingsten so wichtig. Denn an Pfingsten zeigt Gott, dass er seine Kirche nicht im Stich lässt. Er gibt ihr den Geist, der sie reinigt, heiligt, bewahrt. Der Geist kämpft gegen die Sünde. Er deckt das Falsche auf. Er führt in die Wahrheit. Er hält die Kirche bei Christus. Jesus sagt: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten“ (Johannes 16,13). Das ist die Verheißung, die über der Kirche steht.

Die Kirche lebt nicht aus sich selbst. Sie lebt aus dem Geist. Ohne den Geist wäre sie nur eine menschliche Gemeinschaft, nicht anders als ein Verein oder eine politische Partei. Mit dem Geist ist sie der Leib Christi, das Werkzeug Gottes in dieser Welt. Der Geist gibt Gaben. Er beruft Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Er gibt Weisheit, Erkenntnis, Glauben, Heilungsgaben, Wunderkräfte. Paulus sagt: „Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes gegeben zum Nutzen“ (1. Korinther 12,7).

Doch alle diese Gaben dienen einem Zweck: der Erbauung der Gemeinde. Sie dienen nicht der Selbstdarstellung, nicht dem eigenen Ruhm, nicht der Macht über andere. Sie dienen der Liebe. Paulus schreibt im Hohelied der Liebe: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1. Korinther 13,2). Die größte Gabe ist die Liebe. Ohne sie sind alle anderen Gaben wertlos.

Die Kirche ist daher berufen, in dieser Liebe zu leben. Nicht in der Liebe, die die Welt meint, die nur Gefühl ist und keine Wahrheit. Sondern in der Liebe, die aus dem Geist kommt, die mit der Wahrheit verbunden ist. Diese Liebe sagt auch Nein. Sie widerspricht der Sünde. Sie nennt das Böse beim Namen. Doch sie tut es nicht aus Hochmut, sondern aus Erbarmen. Sie will nicht verdammen, sondern retten.

Und tut sie das nicht mehr, dann wandelt die Kirche nicht mehr im Geist Christi, denn wo die Wahrheit verschwiegen wird, verliert die Liebe ihre Kraft, und wo die Sünde nicht mehr beim Namen genannt wird, verliert das Evangelium seine Schärfe. Eine Kirche, die nur tröstet, aber nicht mehr mahnt, die nur bestätigt, aber nicht mehr zur Umkehr ruft, die nur segnet, aber nicht mehr unterscheidet, hat den Weg ihres Herrn verlassen und folgt nicht mehr dem, der voller Gnade und voller Wahrheit ist. Wenn die Kirche das Nein Gottes nicht mehr ausspricht, verliert sie auch das Ja Gottes, denn beides gehört untrennbar zusammen, wie Licht und Wärme, wie Kreuz und Auferstehung, wie Buße und Vergebung.

Darum muss die Kirche in dieser Zeit wach bleiben, nüchtern bleiben, mutig bleiben, damit sie nicht in die Irre geht und nicht dem Geist der Welt folgt, der alles weichzeichnet, was Gott scharf zeichnet, und alles relativiert, was Christus absolut gesetzt hat. Sie muss die Liebe bewahren, die aus der Wahrheit lebt, und die Wahrheit bewahren, die aus der Liebe spricht, damit sie wirklich Kirche bleibt, die Christus gehört, und nicht ein religiöser Verein, der den Menschen gefallen will. Denn nur dort, wo die Kirche im Geist Christi wandelt, wird sie zum Ort der Rettung, der Erneuerung und der heiligen Liebe, die den Sünder ruft und den Menschen zu Gott führt.

Die Kirche ist nicht eine Gemeinschaft, in der jeder tun und lassen kann, was er will. Sie ist eine Gemeinschaft der Heiligung. Sie ruft zur Buße. Sie ermahnt den Irrenden. Sie schließt den unbußfertigen Sünder aus, nicht um ihn zu vernichten, sondern um ihn zur Umkehr zu bringen. Darum gehört zur Kirche auch die Zucht. Jesus sagt: „Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen“ (Matthäus 18,15). Die Kirche ist nicht eine Gemeinschaft, in der jeder tun und lassen kann, was er will. Gewiss: Das klingt hart. Doch es ist Liebe. Wer seinen Bruder in der Sünde lässt, der liebt ihn nicht. Wer schweigt, wo er reden sollte, der macht sich mitschuldig. Die Kirche hat den Auftrag, das Wort Gottes zu verkündigen, nicht nur den Trost, sondern auch die Mahnung. Sie hat den Auftrag, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unbequem ist.

Doch die Kirche hat auch den Auftrag, zu vergeben. Christus hat ihr die Schlüssel des Himmelreichs gegeben. „Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben; und welchen ihr die Sünden behaltet, denen sind sie behalten“ (Johannes 20,23). Das ist eine gewaltige Vollmacht. Die Kirche kann im Namen Christi Sünden vergeben. Sie kann den Bußfertigen zusprechen: Deine Sünden sind dir vergeben. Das ist keine menschliche Erfindung. Das ist Christi Auftrag. Und diese Vollmacht steht und fällt mit dem Wort Gottes. Die Kirche kann nur vergeben, was Gott vergibt. Sie kann nur behalten, was Gott behält. Sie ist nicht Herrin über die Gnade, sondern Dienerin. Sie verkündigt das Evangelium, sie verwaltet die Sakramente, sie übt die Schlüsselgewalt aus, aber immer nur im Gehorsam gegen Christus, im Dienst an seinem Wort.

Darum ist Pfingsten so wichtig. An Pfingsten wurde die Kirche geboren, die diese Aufgabe erfüllt. Nicht aus eigener Kraft, sondern durch den Geist. Der Geist gibt der Kirche das Leben. Er gibt ihr die Kraft zum Zeugnis. Er gibt ihr die Weisheit zur Verkündigung. Er gibt ihr die Liebe zum Dienst. Ohne den Geist ist die Kirche tot. Mit dem Geist ist sie lebendig.

Prüft euch darum selbst. Gehört ihr zu dieser Kirche? Nicht nur äußerlich, durch Taufe und Mitgliedschaft, sondern innerlich, durch den Glauben? Habt ihr den Geist empfangen? Lebt ihr aus ihm? Oder seid ihr nur Namenschristen, die die Form haben, aber nicht die Kraft?

Sucht den Geist. Bittet um ihn. Christus sagt: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ (Lukas 11,13). Gott gibt seinen Geist gern. Er wartet darauf, dass wir ihn bitten. Er will seine Kirche bauen, in euch und durch euch. Amen.

Der Herr segne und bewahre euch in seiner Wahrheit.
Euer Diener am Evangelium Jesu Christi

Pater Berndt